Sowohl die Harn- als auch die Stuhlkontinenz beruhen auf der koordinierten Funktion von Speicherorganen, Schließmuskeln, Beckenbodenmuskulatur und dem Nervensystem. Die Harnblase und das Rektum dienen als Speicherorgane, die in der Lage sind, sich an unterschiedliche Füllungszustände anzupassen. Die Kontrolle über die Entleerung erfolgt über zwei Schließmuskelsysteme: einen inneren, glatten Muskel, der unwillkürlich arbeitet, und einen äußeren, quergestreiften Muskel, der willentlich gesteuert werden kann.
🔒 Innerer Schließmuskel
Glatte Muskulatur, an der Mündung der Harnröhre aus der Harnblase. Unwillkürlich (automatisch, vegetatives Nervensystem) gesteuert.
🎯 Äußerer Schließmuskel
Quergestreifte Muskulatur, weiter distal um die Harnröhre, beim Mann distal (sozusagen unterhalb) der Prostata. Willkürliche Steuerung.
Ergänzt wird dieses System durch die Beckenbodenmuskulatur, die eine stabilisierende und unterstützende Funktion übernimmt. Gleichzeitig liefern sensorische Signale kontinuierlich Informationen über den Füllungszustand der Organe an das Nervensystem, das diese Informationen verarbeitet und in eine koordinierte Reaktion umsetzt.
Bei der Beckenbodenmuskulatur spielt vor allem der Musculus levator ani die Hauptrolle bei der Kontinenz. Wir sehen in dem Bild, dass der M. levator ani, insbesondere der M. puborectalis/ pubococcygeus (vom Schambein bis zum Steißbein) zwei Öffnungen für den Durchtritt der Harnröhre und des Rektums hat. Die Öffnung vorne (oben im Bild) ist für die Harnröhre, die Öffnung hinten (unten im Bild) für das Rektum. Diese Öffnungen werden enger, wenn der Muskel sich kontrahiert, bzw. weiter, wenn der Muskel sich entspannt.
Der M. levator ani hebt bei Anspannung den Beckenboden an, zieht den anorektalen Winkel nach vorne/oben und komprimiert dabei die Harnröhre und das Rektum. Dies führt zum mechanischen Verschluss. Bedeutet also, Kontinenz braucht Spannung und Entleerung braucht Loslassen.
Die Spannung der Beckenbodenmuskulatur ist grundsätzlich willkürlich beeinflussbar, jedoch nicht ausschließlich willentlich gesteuert. Als quergestreifte Muskulatur kann der Beckenboden – ähnlich wie der äußere Schließmuskel – bewusst angespannt oder entspannt werden, etwa im Rahmen gezielter Übungen oder während der Miktion. Gleichzeitig unterliegt er jedoch einer kontinuierlichen automatischen Regulation, die über das Rückenmark und das vegetative Nervensystem gesteuert wird. Diese unbewusste Grundspannung sorgt dafür, dass die Kontinenz auch ohne aktives Zutun aufrechterhalten wird und sich der Beckenboden beispielsweise bei Druckerhöhung wie Husten oder Niesen reflektorisch anspannt. Klinisch relevant ist dabei, dass Störungen häufig nicht auf eine fehlende Willkür, sondern auf eine gestörte automatische Regulation oder eine chronisch erhöhte Grundspannung zurückzuführen sind, die vom Betroffenen oft nicht bewusst wahrgenommen wird.
Training für die Kontinenz
Die gezielte Beeinflussung der Beckenbodenmuskulatur stellt einen zentralen Ansatz zur Verbesserung der Kontinenz dar. Dabei geht es jedoch nicht primär um eine reine Kräftigung im Sinne eines klassischen Muskeltrainings, sondern vielmehr um die Wiederherstellung einer physiologischen Kontrolle und Koordination. Voraussetzung hierfür ist zunächst eine ausreichende Wahrnehmung der Muskulatur, da viele Betroffene Schwierigkeiten haben, den Beckenboden gezielt anzuspannen oder zu entspannen. Aufbauend darauf kann durch regelmäßige Übungen die willkürliche Aktivierung verbessert werden, indem die Muskulatur für einige Sekunden angespannt und anschließend bewusst wieder gelöst wird.
Von besonderer Bedeutung ist neben der Anspannung vor allem die Fähigkeit zur gezielten Entspannung, da eine chronisch erhöhte Grundspannung des Beckenbodens die Entleerung von Blase und Darm behindern kann. Entspannungstechniken, Atemübungen und eine bewusste Wahrnehmung des „Loslassens" sind daher integrale Bestandteile des Trainings. Ziel ist es, den Beckenboden nicht dauerhaft zu aktivieren, sondern ihn situationsgerecht einsetzen zu können – also eine reflektorische Anspannung bei Druckerhöhung, etwa beim Husten oder Heben, sowie eine vollständige Entspannung während der Miktion oder Defäkation zu ermöglichen.
Im weiteren Verlauf steht die Verbesserung der Koordination im Vordergrund. Hierbei wird das Zusammenspiel zwischen Beckenboden, Schließmuskeln und den beteiligten Organen trainiert, sodass die richtige Muskelaktivität zum richtigen Zeitpunkt erfolgt. Insgesamt zeigt sich, dass ein effektives Beckenbodentraining nicht auf maximale Kraft, sondern auf präzise Steuerbarkeit und funktionelle Integration im Alltag abzielt.
Ein zentraler Aspekt des Trainings ist die Verbesserung der Koordination. Entscheidend ist dabei nicht nur die Fähigkeit, den Beckenboden isoliert anzuspannen oder zu entspannen, sondern ihn situationsgerecht einzusetzen. In der physiologischen Funktion erfolgt eine reflektorische Anspannung bei plötzlicher Druckerhöhung, etwa beim Husten, Niesen oder Heben, während gleichzeitig in anderen Situationen – insbesondere bei der Entleerung von Blase und Darm – eine vollständige Relaxation erforderlich ist. Bei vielen Betroffenen ist diese zeitliche Abstimmung gestört, sodass es entweder zu einer unzureichenden Stabilisierung oder zu einer funktionellen Obstruktion kommt. Ziel des Trainings ist daher die Wiederherstellung dieser dynamischen Abstimmung zwischen Anspannung und Entspannung.
Darüber hinaus ist es entscheidend, die erlernten Fähigkeiten in den Alltag zu integrieren. Beckenbodenkontrolle sollte nicht nur im Rahmen von Übungen stattfinden, sondern auch in alltägliche Bewegungsabläufe übergehen. Eine aufrechte Körperhaltung, regelmäßige Bewegung sowie eine gute Mobilität im Bereich von Becken und Hüfte tragen wesentlich dazu bei, die Funktion des Beckenbodens zu unterstützen. Insbesondere längeres Sitzen kann die Durchblutung im kleinen Becken beeinträchtigen und zu einer ungünstigen Spannungsverteilung führen. Durch gezielte Bewegung und bewusste Aktivierung im Alltag lässt sich die neuromuskuläre Kontrolle stabilisieren und langfristig verbessern, sodass der Beckenboden wieder als integraler Bestandteil eines funktionierenden Gesamtsystems arbeitet.
Studien zum Training
Das Kontinenzsystem des Menschen hört sich jetzt erstmal kompliziert an. Und jetzt denkt man vielleicht, naja, so ein bisschen Training kann ja nicht soviel bringen. Aber genau zu dieser Fragestellung gibt es eine Menge Studien, die genau das bewiesen haben. Insbesondere eine Cochrane-Metaanalyse, die u.a. gezeigt hat, dass die Chance auf eine Heilung mit Training 8-fach höher ist, als die Kontrollgruppe ohne Training . Training (aber nur das richtige) kann die Kontinenz und auch die Lebensqualität extrem steigern.
Nährstoffe dazu
Auch wenn Beckenbodentraining eine zentrale Rolle in der Verbesserung der Kontinenz spielt, stellt sich die Frage, inwieweit eine gezielte Nährstoffversorgung die muskuläre Funktion zusätzlich unterstützen kann. Grundsätzlich ist die Leistungsfähigkeit der Muskulatur von einer ausreichenden Versorgung mit Energie, Elektrolyten und Mikronährstoffen abhängig. Insbesondere Magnesium, Vitamin D und eine ausreichende Proteinversorgung tragen zur normalen Muskelfunktion und neuromuskulären Regulation bei. Allerdings ist zu beachten, dass Kontinenzprobleme in den meisten Fällen nicht primär auf einen Mangel an Nährstoffen zurückzuführen sind, sondern auf Störungen der Koordination, des Muskeltonus oder der nervalen Steuerung. Nährstoffe können daher unterstützend wirken, ersetzen jedoch nicht die gezielte Schulung der neuromuskulären Kontrolle durch Training. Ihre Bedeutung liegt vor allem in der Optimierung der muskulären Funktionsfähigkeit und Regeneration als Ergänzung zu aktiven therapeutischen Maßnahmen.
Welche Nährstoffe helfen uns jetzt gerade für das Kontinenztraining?
Zum einen wollen wir ja die Muskelkraft verbessern. Hier steht an erster Stelle das Protein, insbesondere muskelaufbauende Proteine, wobei hier das Whey-Protein optimal ist. Insgesamt brauchen wir für einen guten Muskelaufbau mindestens 1,5g Protein pro KG Körpergewicht, besser 2g/Kg&Tag. Auch Vitamin D spielt für die Muskelfunktion eine ergänzende Rolle, ebenso wie natürlich das Zink. Aber bei der Kontinenz müssen wir auch an die neuromuskuläre Funktion denken. Hierbei sind vor allem Magnesium (und Taurin) wichtig. Aber gerade bei Beckenboden spielt insgesamt das Gewebe / Kollagen, die Bänder und Faszien des Beckenbodens eine Rolle. Daher brauchen wir Collagen, Vitamin C und Aminosäuren. Für das Nervensystem, das das alles reguliert sind insbesondere die B-Vitamine nicht zu vergessen. Für die Mikrozirkulation und eine gute Durchblutung auch viele Muskeln und Organe die gerade im Becken bei viel Sitzen vernachlässigt sind, ist es sinnvoll gefäßerweiternde Substanzen wie (NO- Arginin/Citrullin) mit einzubeziehen.
💪 Muskel
Kraft – Vitamin D, Protein
⚡ Nerv
Steuerung – B-Vitamine, Magnesium, Taurin
🧱 Gewebe
Stabilität – Vitamin C, Kollagen, Zink
🩸 Durchblutung
Versorgung – Arginin, Bewegung
Studien dazu?
Für die unterstützende Behandlung von Kontinenzstörungen existieren zunehmend Hinweise, dass bestimmte Mikronährstoffe eine ergänzende Rolle spielen können. Am besten untersucht ist hierbei Vitamin D, für das sowohl epidemiologische Studien als auch erste randomisierte kontrollierte Studien eine Assoziation zwischen niedrigen Spiegeln und einer erhöhten Inkontinenzrate zeigen. Darüber hinaus konnte in Interventionsstudien eine Verbesserung von Symptomen und Muskelkraft durch Vitamin-D-Supplementation nachgewiesen werden. Weitere Daten deuten darauf hin, dass Kombinationen aus Magnesium und kollagenbildenden Substanzen die Effekte eines Beckenbodentrainings verstärken können . Für andere Mikronährstoffe wie Vitamin C bestehen vor allem indirekte Hinweise über eine Verbesserung der Gewebestabilität.
Fazit
Ein mit Studien belegtes, wissenschaftlich klar begründetes Gesamtkonzept zur Verbesserung der Kontinenz ist ja das, was wir gerne hätten. Und genau das gibt es, wie wir gesehen haben. Dinge, die man aber meist selbst machen muss und die es selten bis nie, einfach so auf Rezept beim Hausarzt gibt. Also loslegen und das auch nicht nur bei Inkontinenz, denn auch hier, genau wie überall, gilt: Prophylaxe ist viel einfacher und effektiver als jede Therapie.
Quellen
1: Dumoulin C, Cacciari LP, Hay-Smith EJC. Pelvic floor muscle training versus no treatment, or inactive control treatments, for urinary incontinence in women. Cochrane Database Syst Rev. 2018 Oct 4;10(10):CD005654. doi: 10.1002/14651858.CD005654.pub4.
2: Nobile V, Villa R, Micieli M, Amone F, D'Ambrosio E, Pulitano G, Schinzari C, Di Campi E, Carati D. Efficacy of a Food Supplement Based on Collagen and Magnesium Combined with Pelvic Floor Muscle Training Exercises in Women with Urinary Incontinence: A Double-Blind, Randomized, Pilot Clinical Trial. Uro. 2025;5:7. doi: 10.3390/uro5020007.