Rückenschmerzen ist eine der häufigsten Ursachen für Patienten, in meine Praxis zu kommen. Mit Rückenschmerzen meine ich die gesamte Wirbelsäule, von Hals-, Brust- bis Lendenwirbelsäule. Also HWS, BWS, LWS.
Woher Rückenschmerzen wirklich kommen
Sehr selten!!!, ist die Ursache der Rückenschmerzen eine ernsthafte Erkrankung (z. B. Osteoporose, Tumoren, Entzündungen, Rheuma, Infektionen, Verletzungen, schwerste Degenerationen-Spinalkanalstenose, Nerveneinklemmungen mit Lähmungen an Armen oder Beinen-großer Bandscheibenvorfall, Nierenerkrankungen, Bauchspeicheldrüsenerkrankungen). Die meisten Rückenschmerzen (> 90 %) sind eigentlich Muskelschmerzen. Und die sind mechanisch bedingt, also durch Fehlhaltung. Selbst wenn man im MRT zufällig Veränderungen der Wirbelsäule sieht, so sind diese Veränderungen nur selten die wahre Ursache der Rückenschmerzen. Die wahre Ursache liegt in der Muskulatur und der Haltung, also in der Biomechanik. Der Physik.
Die senkrechte Tragachse
Bei einer gesunden Wirbelsäule und gesunder aufrechter Haltung haben wir eine senkrechte Tragachse (rote Linie):
Die Tragachse verläuft senkrecht durch den Körper. Die Wirbelsäule trägt nur das Eigengewicht des Oberkörpers.
Heißt, wenn wir uns gerade halten, muss die Wirbelsäule nur das einfache Gewicht des Oberkörpers tragen. Das ist für die Wirbelsäule und den Rumpf kein Problem.
Das Hebelgesetz – warum aus 30 kg 300 kg werden
Um zu verstehen, was aber passiert, wenn wir uns krumm halten, also nach vorne beugen, müssen wir uns kurz an die Physik erinnern. Das Hebelgesetz:
Beugt man sich nur 20 cm nach vorn, wirken auf die Bandscheibe L5/S1 statt 30 kg rund 300 kg – das Zehnfache.
Nehmen wir nun an, wir beugen uns nach vorne:
Da können wir nun das Hebelgesetz anwenden: In dem Beispiel beugen wir uns nur geringe 20 cm nach vorne (Kraftarm). Die Wirbelsäule (Bandscheibe) hat einen Durchmesser von 2 cm (Lastarm). Nehmen wir einen typischen Oberkörper von 30 kg Gewicht (F1 Kraft). In die Formel eingesetzt, können wir nun die Last, welche auf die Wirbelsäule einwirkt, ausrechnen:
Kraft × Kraftarm = Last × Lastarm
30 kg × 20 cm = F2 × 2 cm
Nach F2 aufgelöst:
F2 = 30 kg × 20 cm / 2 cm
F2 = 300 kg
Das muss man sich nochmal klar machen. Man beugt sich nur ein bisschen nach vorne, 20 cm, und die Belastung der Wirbelsäule ist anstatt 30 kg auf das Zehnfache!!!! also auf 300 kg angestiegen.
Wird der Hebel 10fach verlängert, dann steigt auch die Belastung auf das 10fache!!!
Sitzen wir nun stundenlang mit nach vornüber gebeugtem Oberkörper auf dem Stuhl, muss die Wirbelsäule stundenlang durchgehend 300 kg Belastung aushalten. Die armen Bandscheiben. Die arme Rückenmuskulatur. Da wir aber nicht nach vorne überfallen, hält die Muskulatur diese 300 kg entgegen (F2) (wer möchte kann sich die Muskelkraft, die dagegen hält, noch als Drehmoment in Newtonmeter dazu denken). Der Hebel kippt ja nicht nach links (also nach vorne) in dem Beispiel. Wir fallen nicht ständig vornüber. Auch im Alltag, wenn man mit krummem Rücken geht oder steht, wir fallen meist nicht. Die Muskulatur hält dagegen. Was soll die Muskulatur nach stundenlangem 300 kg Gewichttragen anderes sagen als „AUA???“ Die Rückenmuskulatur ist da aber trotzdem noch sehr wohlwollend. Man halte mal ein Kilo Gewicht mit ausgestrecktem Arm in der Hand. So lange man kann. Die Schmerzen in der Schulter werden nach wenigen Minuten unerträglich sein. Und der Wirbelsäule mutet man das stundenlang, tagelang, jahrelang zu. Also besonders wichtig, die aufrechte Haltung. Komplett aufrecht. Auch den Kopf.
Auch der Kopf hat einen Hebel
Allein das Gewicht des Kopfes über den Hebel ist auf Dauer unerträglich für die Nackenmuskeln:
Links richtig: Das Ohr steht über der Schulter, das Kinn ist leicht eingezogen. Rechts falsch: Der vorgeschobene Kopf zwingt die Nackenmuskulatur in Dauerspannung.
Wie wir in dem Bild sehen, nicht nur die Vorneigung des Kopfes auch das Vorstrecken des Kopfs belastet die Rückenmuskulatur. Als Merkregel: die Ohren sollten ungefähr in der Sagittalebene (also Blick von der Seite) auf einer Linie mit den Schultern sein (so wie oben links, nicht wie rechts in dem Bild vor den Schultern). Also Kinn einziehen!! Ein Doppelkinn machen. Dann ist der Kopf nicht nach vorne gestreckt und die Muskulatur kann sich entspannen.
Deshalb: gegen Rückenschmerzen muss man sich immer und überall, vor allem im Alltag, jederzeit an eine korrekte Haltung erinnern. Und das Ganze kann und sollte man in Wirbelsäulenkursen auch regelmäßig üben und die Muskulatur dahin erinnern, wie die Haltung eigentlich sein sollte. Dazu gehört natürlich auch ganz besonders die Dehnung der Muskulatur der Körpervorderseite (insbesondere Brustmuskulatur und Hüftbeuger), da die verkürzte vordere Muskulatur uns immer wieder in die falsche Haltung nach vorne zieht.
Was das für den Alltag bedeutet
Gegen Rückenschmerzen, egal ob HWS, BWS oder LWS: den Körper aufrichten. Vor allem dran denken. Und den Rücken gerade halten, wenn man was trägt. Man denke nur an das obere Schema, nehme das Oberkörpergewicht und trage dazu noch 20 kg 20 cm vor dem Körper. Dann sind wir bei 500 kg Last auf der Wirbelsäule. Wird der Hebel noch größer (z. B. man hebt etwas in den Kofferraum und muss dabei die Arme weiter vom Körper weg strecken, also der Hebelarm wird 40 cm), kann sich die Belastung nochmal ganz schnell verdoppeln (1000 kg Belastung!!!). Ist im orthopädischen Alltag ein Klassiker: akuter Hexenschuss beim Heben eines Koffers in oder aus dem Kofferraum.
Jeder sollte noch einmal das Hebelgesetz verstanden haben und auch daran denken, dass man das auf den Rücken, die Haltung und auf den Alltag anwenden kann. Denn dann weiß man, warum die Haltung im Alltag und warum ein gut trainierter Oberkörper mit aufrechter Haltung und erhobenem Blick (nicht den Kopf nach vorne strecken oder hängen lassen) so wichtig gegen Rückenbeschwerden ist.
Tja, unsere Omas und Mütter hatten schon immer recht:
Weiterführende Literatur zu diesem Thema
- Differenziertes Krafttraining, Dr. Axel Gottlob
- Funktionelle Anatomie der Gelenke, Ibrahim A. Kapandji