Magnesium schützt vor Herzinfarkt und ein bisschen Philosophie in der Medizin: Validität, Reliabilität, Objektivität
Magnesium schützt vor Herzinfarkt: darf man das behaupten? Was ist echte Wahrheit? Auf der Suche nach der „echten“ Wahrheit sind die Philosophen schon seit tausenden von Jahren unterwegs. Schon Aristoteles (384–322 v. Chr.) begründete den klassischen Realismus: um etwas als wahr anzuerkennen, muss es logisch sein. Heutzutage haben wir in der Wissenschaft die Begriffe Validität, Reliabilität und Objektivität, um die Wahrheit einer Aussage zu betrachten. Validität entspricht hier ungefähr dem, was Philosophen unter Realismus verstehen, also dem Anspruch, dass eine Aussage logisch und inhaltlich begründet sein muss. Besagt also, es muss etwas logisch sein, damit es richtig sein kann.
Neben den Verfechtern des Realismus gab es die Empiriker (z.B. John Locke (1632–1704)). Der Empirismus besagt, dass Dinge nur wahr sein können, die man auch beobachten kann. Dies spiegelt sich wider, in dem Heute verwendeten Begriff der Reliabilität. Reliabilität spiegelt die Zuverlässigkeit und Wiederholbarkeit von Erkenntnissen wider. Heißt, wenn z.B. ein Wirkstoff/NEM eine gesundheitliche Veränderung bringt, muss es immer und immer wieder funktionieren. Das ist im Prinzip das, was Studien an vielen verschiedenen Menschen untersuchen.
Der letzte Punkt, die Objektivität passt am besten zum kritischen Realismus (Karl Popper): Wissen muss intersubjektiv überprüfbar sein, unabhängig von der Person des Forschers. Dazu bedient man sich in der Medizin der „Verblindung“ von Studien (Doppelblindstudien).
Leider reicht heutzutage vielen in der Medizin die Reliabilität und Objektivität. Die Validität, also die logische Erklärung wird gerne unter den Tisch gekehrt.
Für mich muss eine Aussage aber alle 3 Punkte erfüllen, damit wir so gut es eben geht, von der wirklichen Wahrheit ausgehen können:
Etwas muss logisch sein, man sollte es z.B. molekular / mechanisch / biologisch logisch erklären können.
Es muss immer wieder funktionieren, also in großen Studien an möglichst vielen Menschen nachgewiesen worden sein
Es muss objektiv sein, also am besten mehrere verschiedene Studien und am besten Doppelblind-Studien oder anhand von objektiven Laborparametern untersucht sein.
Versuchen wir das mal Zusammen mit dem so wichtigen Thema Magnesium:
1. Validität (Gültigkeit)
Definition: Validität bedeutet, dass eine Aussage inhaltlich korrekt ist und auf einem klaren, kausalen Mechanismus beruht.
In diesem Fall: Die Aussage „Magnesium schützt vor Herzinfarkt“ ist dann valide, wenn der kausale Mechanismus zwischen Magnesium und der Prävention von Herzinfarkt wissenschaftlich erklärt ist.
Erklärter Mechanismus:
Magnesium wirkt als natürlicher Calciumkanalblocker.
Es hemmt den Calciumausstrom aus der Zelle und reduziert so die extrazelluläre Calciumkonzentration.
Dadurch kommt es zu einer verminderten Calciumablagerung in den Gefäßwänden (weniger parazelluläre Verkalkungen).
Das reduziert die Arterienverkalkung (Atherosklerose) und verringert das Risiko für Herzinfarkte.
Magnesium und Arteriosklerose:
Silverio Rotondi, Sandro Mazzaferro, Magnesium: extracellular, intracellular or total magnesium status?, Nephrology Dialysis Transplantation, Volume 38, Issue 6, June 2023, Pages 1349–1351,
Studien zeigen, dass eine Reduktion des intrazellulären Magnesiums die Verkalkung fördert, indem sie spezifische Signalwege beeinflusst (z. B. erhöhte Expression von RUNX2 und BMP2).
Erhöhtes intrazelluläres Magnesium kann den Verkalkungsprozess hemmen.
Ter Braake et al. zeigten, dass Serum-Magnesium eine wichtige Rolle bei der Bildung von Calciprotein-Partikeln (CPP) spielt. In einem in-vitro-Modell mit kalzifizierenden Gefäßzellen hemmte Magnesium die Aggregation von CPP1 zu CPP2, einem Prozess, der Verkalkungen begünstigt.
Zusätzlich wurde festgestellt, dass Magnesium sowohl in urämischem als auch in gesundem Serum die Umwandlung von CPP1 in CPP2 verlangsamte. Klinische Beobachtungen stützen diese Erkenntnisse: Eine erhöhte Magnesiumkonzentration im Dialysat bei Peritonealdialyse-Patienten oder die orale Gabe von Magnesiumoxid bei CKD-Patienten (Stadium 3–4) führte zu einer verzögerten CPP1-zu-CPP2-Umwandlung. Dies deutet auf protektive Effekte von Magnesium gegen vaskuläre Verkalkung hin und liefert eine physiopathologische Erklärung für den Zusammenhang zwischen höheren Serum-Magnesiumwerten und reduzierter Gefäßverkalkung.
2. Reliabilität (Zuverlässigkeit)
Definition: Reliabilität bezieht sich auf die Wiederholbarkeit und Konsistenz von Studienergebnissen.
In diesem Fall: Die Aussage ist reliabel, wenn zahlreiche, methodisch hochwertige Studien konsistent zeigen, dass eine höhere Magnesiumaufnahme mit einem geringeren Herzinfarktrisiko verbunden ist.
Studienlage:
Mehrere Metaanalysen und prospektive Kohortenstudien zeigen übereinstimmend eine inverse Beziehung zwischen Magnesiumaufnahme und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Beispiel: Die ARIC-Studie und eine Metaanalyse von Del Gobbo et al. (2013) bestätigen diesen Zusammenhang:
(Zusammenhang von hazard ratio (HR) für koronare Herzkrankheit (KHK) und dem Serum-Magnesiumspiegel in mEq/L (für den bei uns üblichen Laborwert mmol/l den mEq/L durch 2 Teilen) Quelle:
(relatives Risiko (RR) für Cardiovascular Disease (CVD=KHK) in Abhängigkeit vom Serum Magnesium-Spiegel in mmol/l, Quelle 2
3. Objektivität
Definition: Objektivität bedeutet, dass die Forschungsergebnisse unabhängig von den Forschern sind.
In diesem Fall: Objektivität ist gegeben, wenn die Studien in einem transparenten, standardisierten und kontrollierten Rahmen durchgeführt wurden:
Peer-Review-Prozess in renommierten Zeitschriften.
Kontrollierte Studien mit klaren Definitionen und Messmethoden.
Keine Interessenkonflikte der Forschenden.
Wir haben einen klaren Zusammenhang (siehe Grafiken) von KHK-Risiko und Serum-Magnesiumspiegel (objektiver Labortest), objektive Zahlen (KHK-Fälle).
So, was fehlt jetzt noch: wir haben gesichert einen Zusammenhang von Serum-Magnesiumspiegel und dem Risiko für Arteriosklerose (KHK). Jetzt ist wie immer die Frage: ist es nur ein loser Zusammenhang (z.B. gesunde Menschen haben halt allgemein höhere Magnesiumspiegel) oder ist es echte Kausalität (die Einnahme von Magnesium senkt das KHK-Risiko)? Hier hilft uns eine Grafik weiter, in der die tägliche Einnahme von Magnesium und das KHK Risiko untersucht wurde:
(Abb. Quelle )
Wir sehen, dass je höher die tägliche Magnesiumaufnahme ist, desto niedriger das KHK Risiko. Die Kausalität haben wir also durch die logische Herleitung (Validität) und durch den Test, ob die Einnahme tatsächlich das Herzinfarkt-Risiko senkt, beschrieben.
Wir haben hier mal alle Punkte für eine saubere, wissenschaftliche Erörterung zu der Wirkung von Magnesium auf die Arteriosklerose zusammengefasst. Für mich ist das ausreichend, um so nah es eben geht an der Wahrheit zu sein.
Optimal und so nahe an der Wahrheit wie möglich ist also eine Tatsache dann, wenn die Kriterien für die Validität, die Reliabilität und die Objektivität erfüllt sind. Leider wird das in der Medizin (gerade in der leider zunehmend pekuniär organisierten Medizin aber auch von anderen Gesundheitsberatern) häufig unzureichend bedacht. Häufig reicht es in der Medizin die Reliabilität, also die Empirie nachzuweisen. Leider fehlt die Validität, die Logik. Und ohne Logik kann eine reine Empirie zu falschen Annahmen führen, insbesondere der Verwechslung von Korrelation und Kausalität. Beispiel wenn wir nur alleine Empirie nehmen: Wir beobachten z.B., jedes Mal, wenn wir ein brennendes Haus sehen, steht ein Feuerwehrauto davor. Daraus wird in der Medizin häufig eine Kausalität „konstruiert“, in unserem Fall: Feuerwehrautos verursachen brennende Häuser. Was natürlich falscher nicht sein könnte. Daher geht es in der Wissenschaft nicht ohne die Validität. Empirische Daten benötigen zur Interpretation immer auch einen logischen Rahmen.
So wichtig wissenschaftliche Prinzipien auch sind – am Ende zählt, was tatsächlich wirkt und hilft. Das, was wirklich hilft. Wäre es nicht schön, wenn man eine große Gemeinschaft hätte, die logisch denkt (Validität) und wo möglichst viele ihr persönliches Ergebnis präsentieren würden und wir zusätzlich zur Logik eine große, umfassende Empirie erhalten würden (Reliabilität)? Und dann von vielen Verschiedenen, unabhängigen Personen (Objektivität). Denn dann käme man der Wahrheit am ehesten auf die Schliche, nämlich dem, was wirklich funktioniert und der Gesundheit und dem Wohlbefinden am besten hilft .
Quellen
1: Rooney MR, Alonso A, Folsom AR, Michos ED, Rebholz CM, Misialek JR, Chen LY, Dudley S, Lutsey PL. Serum magnesium and the incidence of coronary artery disease over a median 27 years of follow-up in the Atherosclerosis Risk in Communities (ARIC) Study and a meta-analysis. Am J Clin Nutr. 2020 Jan 1;111(1):52-60. doi: 10.1093/ajcn/nqz256. PMID: 31622458; PMCID: PMC7307183.
2: Del Gobbo LC, Imamura F, Wu JH, de Oliveira Otto MC, Chiuve SE, Mozaffarian D. Circulating and dietary magnesium and risk of cardiovascular disease: a systematic review and meta-analysis of prospective studies. Am J Clin Nutr. 2013 Jul;98(1):160-73. doi: 10.3945/ajcn.112.053132. Epub 2013 May 29. PMID: 23719551; PMCID: PMC3683817.
3: Silverio Rotondi, Sandro Mazzaferro, Magnesium: extracellular, intracellular or total magnesium status?, Nephrology Dialysis Transplantation, Volume 38, Issue 6, June 2023, Pages 1349–1351,