Zwischen tausenden positiven Studien über Mikronährstoffe für die Gesundheit finden sich auch immer mal wieder einige negative Studien. Die schaffen es dann in die Massenmedien, im Gegensatz zu den tausenden positiven Studien. So auch mit dem „Zusammenhang von Omega 3 Einnahme und dem Auftreten von Vorhofflimmern“. Wer hier aber nur die Überschriften liest, wie so viele, dem könnten da einige Informationen verborgen bleiben. Ganz wichtig ist auch, dass korrekterweise nur gesagt wird, es gibt einen Zusammenhang von Omega 3 und Vorhofflimmern. Daher schauen wir uns die Sache mit dem Omega 3 und dem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern mal genauer an.
Woher kommt die Idee, dass Omega 3 mit erhöhtem Vorhofflimmern assoziiert sei?
Da gab es die Strength-Studie (1). Hierbei wurden 13.078 Patienten randomisiert, die eine Gruppe bekam Omega 3 (n=6539), die anderen Gruppe Maiskeimöl (n=6539). Das Ziel der Studie war, zu Vergleichen, in welcher Gruppe häufiger der Endpunkt* erreicht war.
In der Omega 3 Gruppe haben 785 Patienten diesen Endpunkt erreicht.
In der Maiskeimöl-Gruppe haben 795 Patienten diesen Endpunkt erreicht.
Ergebnis: kein signifikanter Unterschied.
*Endpunkt: (Herz-Kreislauf-Tod, nicht tödlicher Myokardinfarkt, nicht tödlicher Schlaganfall, koronare Revaskularisation oder instabile Angina pectoris, die einen Krankenhausaufenthalt erfordern)
Vorhofflimmern wurde in der Omega 3 Gruppe bei 2,2% beobachtet, in der Maiskeimöl-Gruppe bei 1,3%. **In absoluten Zahlen: **
Omega 3 Gruppe: 144 Fälle
Maiskeimöl-Gruppe: 85 Fälle
Es bekommt also ca. eine Person von hundert mit Omega 3 Einnahme zusätzlich ein Vorhofflimmern (number needed to harm)
Dieses Ergebnis in einer Grafik:
Diese Grafik ergab nun die Nachrichten überall, dass es unter Omega 3 Einnahme häufiger zu Vorhofflimmern als unter Maiskeimöl kommt.
Zur weiteren Klärung schauen wir uns noch eine andere Studie zum Thema Omega 3 und Vorhofflimmern an, die Vital Rhythm Study (2):
25119 Teilnehmer wurden randomisiert:
6272 Teilnehmer bekamen: EPA, DHA und Vitamin D: Vorhofflimmern: 238
6270 Teilnehmer bekamen: EPA, DHA und Placebo: Vorhofflimmern: 231
6281 Teilnehmer bekamen: Vitamin D und Placebo : Vorhofflimmern: 231
6296 Teilnehmer bekamen: 2xPlacebos: Vorhofflimmern: 200
5 Jahre lang Nachbeobachtung, 24127 blieben bis zum Ende der Studie dabei.
Zusammengefasst gab es auch in dieser Studie eine gering erhöhte Rate an Vorhofflimmern unter EPA/DHA Gabe, wichtig aber: statistisch war das Ergebnis NICHT signifikant, könnte also auch Zufall gewesen sein (3,7% vs 3,4%, HR: 1,09 95% CI, 0.96-1.24).
Dann gibt es noch diese Studie (3): OMEMI-Trial
Hier wurde das Risiko für ein schweres Herzkreislaufereignis und dem Auftreten von Vorhofflimmern durch Gabe von Omega 3 oder Placebo verglichen.
1002 Patienten wurde randomisiert (1,8g Omega-3 Kapseln oder Placebo: Maiskeimöl) und wurden 24 Monate lang nachuntersucht. Am Ende konnten 881 Patienten ausgewertet werden.
Ergebnis: eine Omega 3 Gabe senkte signifikant das Risiko eines schweren Herzkreislaufereignisses (54 akute Herzinfarkte, 34 Notfall-Herzkatheter, 23 Schlaganfälle, 17 Krankenhausnotfallaufnahmen wegen Herzversagen; insgesamt 128 Fälle von schweren Herzkreislauferkrankungen). Das Risiko für Vorhofflimmern stieg jedoch in der Omega-3-Gruppe an (insgesamt 43 Fälle von neuaufgetretenem Vorhofflimmern).
In der Grafik sehen wir links, das abfallende Risiko für ein MACE (Major Adverse Cardiovascular Event: schwere akute Herzkreislauferkrankung)- Ereignis, rechts das steigende Risiko für Vorhofflimmern, jeweils mit steigendem EPA-Blutwert:
(Myhre, PL, Kalstad, AA, Tveit, SH, Laake, K, Schmidt, EB, Smith, P, et al. Changes in eicosapentaenoic acid and docosahexaenoic acid and risk of cardiovascular events and atrial fibrillation: a secondary analysis of the OMEMI trial. J Intern Med. 2022; 291: 637–647.)
Schauen wir uns das Risiko jeweils auf den beiden Grafiken in Prozent an:
Schauen wir zunächst die Grafik links an: ein sehr niedriges EPA ergibt ein ca. 8% iges Risiko für ein schweres Herzkreislaufereignis (MACE), mit einem ganz hohen EPA sinkt die Kurve auf ca. 3 %. (Insgesamt gab es 128 Fälle von MACE). Diejenigen mit dem höchsten EPA Wert hatten ein 61% niedrigeres Risko eines MACE. Omega 3 schützt also vor schweren, lebensbedrohlichen Herzkreislauf-Ereignissen.
Schauen wir uns die rechte Grafik an:
Die mit dem niedrigsten EPA-Wert hatten ein Risiko von Vorhofflimmern von ca. 4%. Die mit dem höchsten EPA ein Risiko von 12% für Vorhofflimmern. (insgesamt gab es 43 Fälle von neu aufgetretenem Vorhofflimmern). Diejenigen mit dem niedrigsten EPA hatten also ein um 67% niedrigeres Risiko eines Vorhofflimmerns.
Also viel EPA bringt 61% weniger MACE (Herzinfarkte/Schlaganfälle/Etc.) dafür bringt wenig EPA 67% weniger Vorhofflimmern. Was ist jetzt besser? Dazu müssen wir noch weiter schauen:
Viele alte Studien konnten klare Vorteile für das Überleben und einen verringerten plötzlichen Herztod bei hohen Omega-3 Werten zeigen (z.B. 5-fach erhöhtes Risiko für plötzlichen Herztod in der Gruppe mit den niedrigsten Blutwerten im Vergleich zu denen mit den höchsten Blutwerten: (4).)
Wenn es so viele Studien gibt, dann schauen wir uns eben eine Zusammenfassung von vielen Studien an. Und genau das wurde hier (5) gemacht: eine Meta-Analyse von 17 prospektiven Studien:
Es wurden 40.000 Teilnehmer und 15.000 Todesfälle analysiert und der Zusammenhang vom EPA/DHA Blutspiegel und der Todesursache ermittelt. Ergebnis: die Teilnehmer mit der höchsten Blutkonzentration von EPA/DHA hatten ein Gesamtsterberisiko von 0,84 (Hazard Ratio). Also ein um 16% niedrigeres Gesamtsterberisiko. Nur auf Herzkreislauf bedingte Todesfälle war das Risiko für die mit den höchsten EPA/DHA Werten bei HR 0,80, also ein um 20% geringeres Risiko.
Hier sehen wir das Ergebnis der Metanalyse zusammengefasst:
Associations of circulating long-chain n-3 PUFA levels with all-cause mortality: nonlinear dose-response meta-analysis in the Fatty Acids and Outcomes Research Consortium. Hazard ratios and cohort-specific quantiles are presented in the vertical and horizontal axis, respectively.
Wir sehen unten rechts in der Grafik, dass die Kurve mit zunehmender EPA+DHA Menge im Blut sinkt, also, dass das allgemeine Sterberisiko (all-cause-mortality) von 1,00 auf 0,84 sinkt.
(Hazard Ratio für Herzkreislauftod: 0,80, HR für Krebstod: 0,87, HR für Gesamttod 0,84).
Diese Metaanalyse an 40.000 Teilnehmern, deren gemessene Blutwerte für Omega 3 und dem Sterberisiko zeigt also, dass die Personen mit den höchsten EPA/DHA Werten im Vergleich zu denen mit den niedrigsten Werten ein insgesamt 16% niedrigeres Sterberisiko hatten, ein 20% niedrigeres Sterberisiko an Herzkreislauferkrankungen und ein um 13% niedrigeres Risiko eines Krebstodes.
So. Und nun? Sind wir schlauer? Wir wissen aus allen Studien, dass die Omega 3 Gabe eindeutig vor schweren Herz-Kreislauferkrankungen schützt und sogar vor Krebserkrankungen und die Gesamtsterblichkeit verringert. Also alles klar, oder? Omega 3 ist gut. ABER, was ist mit dem erhöhten Risiko von Vorhofflimmern? Sollen wir das einfach in Kauf nehmen? Oder einfach kein Omega 3 nehmen und die positiven Effekte verpassen? Nicht ganz, uns fehlt nämlich noch ein entscheidender Hinweis, den uns eine weitere schöne Meta-Analyse erbracht hat (5):
(Xue-Yuan Guo, Xian-Liang Yan, Ying-Wei Chen, Ri-Bo Tang, Xin Du, Jian-Zeng Dong, Chang-Sheng Ma,Omega-3 Fatty Acids for Postoperative Atrial Fibrillation: Alone or in Combination with Antioxidant Vitamins?,, Heart, Lung and Circulation, Volume 23, Issue 8,2014 Pages 743-750, ISSN 1443-9506,
https://doi.org/10.1016/j.hlc.2014.02.018
.)
Hierbei wurden mehrere Studien analysiert, die untersucht haben, ob die alleinige Omega 3 Gabe oder die Kombination aus Omega 3 und Vitamin C+E vor einer Operation das postoperative Risiko für Vorhofflimmern senken kann. Das Ergebnis ist beeindruckend: Das Risiko für ein postoperatives Vorhofflimmern war nur in der Gruppe die eine Kombination aus Omega 3 und Vitamin C+E bekam, erheblich gesenkt, um deutliche 68% (Odds Ratio 0,32).
Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen wird in dieser Studie auch genannt:
Omega 3 Fettsäuren führen zu einer vermehrten Aktivität von antioxidativen Enzymen. Vitamin C und E wirken hierbei synergistisch, indem sie diese Enzyme vor oxidativem Stress schützen, damit diese weiterhin ihre Aufgabe erledigen, nämlich hier in unserem Fall, vor allem die Herzmuskelzelle vor oxidativem Stress zu schützen. Oxidativer Stress im Herzmuskel wird als pathophysiologische Grundlage für das Auftreten von Herzvorhofflimmern diskutiert (6).
Wie so oft, die alleinige Gabe eines einzelnen Mikronährstoffes erbringt nicht immer die positiven Effekte, die man erwarten würde. Das liegt daran, dass viele Mikronährstoffe ineinandergreifen und erst die Kombination den gewünschten positiven Effekt erreicht.
Meine persönliche Meinung:
Wie viele Menschen inzwischen aus den Nachrichten schon wissen, ja, die ALLEINIGE! Gabe von Omega 3 Fettsäuren (EPA/DHA) kann das Risiko für ein Vorhofflimmern leicht erhöhen. Das haben uns die Studien eindeutig gezeigt. Gesichert und seit vielen Jahrzehnten bekannt ist aber auch, dass Omega 3 (EPA/DHA) für viele positive gesundheitliche Effekte verantwortlich ist, sei es Senkung des Herzinfarkt-/Schlaganfallrisikos, Senkung des Krebsrisikos, Senkung des allgemeinen Sterberisikos, positive Effekte fürs Hirn und Nerven, sowie entzündungshemmende Eigenschaften bei allerlei dadurch verursachten Erkrankungen. Für mich überwiegen da klar die positiven Effekte. Am besten aber natürlich ist es, Omega 3 nicht ohne Vitamin C und E einzunehmen. Im besten Fall hat man mit der Kombination von EPA/DHA+Vitamin C+E sogar noch ein verringertes Risiko für ein Vorhofflimmern.