Außerdem ist die Frage, ob eine einzige Studie an Mäusen, an einer einzigen Aminosäure, tatsächlich eine relevante Voraussage zu einer in der Praxis signifikanten Erhöhung des Arteriosklerose Risikos ist. Zum Thema Aminosäuren und Arteriosklerose Risiko gibt es aber noch viel, viel mehr Daten und viel mehr Studien als diese eine zu „Leucin“. Hier ist eine schöne Übersichtsarbeit zu Aminosäuren und Arteriosklerose Risiko, in der viele Einzelstudien zu dem Thema aufgezeigt werden: (4)
Ein paar kurze Zitate aus dieser Arbeit, da nicht jeder Lust und Zeit hat, die ganz zu lesen:
Wir sehen, dass die Plaque-Größen bei der Gruppe mit Arginin ca. 50% kleiner sind als ohne Arginin. Das zeigt uns schonmal, dass das sicher nicht für alle Proteine (wie in der reißerischen Überschrift) gilt, sondern eben nur für Leucin. Also Arginin zum Leucin dazu essen und das Problem ist wieder neutralisiert.
Ganz im Gegensatz zu der „Leucin“-Studie von oben, gibt es diese Studie, die aufzeigt, dass 5g Leucin pro Tag beim Menschen eher die Makrophagen daran hindert, Foam-Cells (Schaumzellen=Zelltypen in Plaques) zu werden (5), also die Plaquebildung reduziert. Einig sind sich beide Studien, dass Leucin mTOR aktiviert und den mitochdondrialen Stoffwechsel von Immunzellen (insb. Makrophagen) stimuliert. Die eine sagt, das wäre gut, dass die Makrophagen weniger Cholesterin enthalten, die andere Studie sagt es wäre schlecht, wenn die Makrophagen aktiviert werden, denn aktive Makrophagen heißt aktive Entzündung und das ist schlecht für die Gefäße. Komisch diese Studie (5) habe ich in keiner Tagespresse gelesen. Hmmm?
Zusammengefasst, was diese eine Studie über Leucin und Arteriosklerose jetzt über die praktische Konsequenz daraus aussagt, ist gleich 0. Es ist eine experimentelle Mausstudie, die Einsichten über die molekularen Vorgänge von Leucin gibt und an sich primär erstmal einfach nur Grundlagenwissen schafft. Daran ist überhaupt nichts auszusetzen. Völlig in Ordnung. Schlimm ist nur, dass Tagesmedien und die breite Presse daraus eine reißerische Story machen, deren Überschrift auch noch definitiv falsch ist: proteinreiche Ernährung würde die Gefäße verkalken. Die Studie sagt ja nur, dass Leucin bei Mäusen die Arterienverkalkung erhöht. Nicht alle Proteine. Unsere menschlichen Proteine sind 20 Aminosäuren. Eine davon könnte also unter bestimmten Umständen negative Auswirkungen haben (genau wie Zucker oder Fett).
Die einzige praktische Konsequenz aus der genannten Studie könnte maximal sein: wenn Sie, wie eine Maus 12 Wochen in einem Käfig eingesperrt werden, nichts für Ihr Essen tun müssen, also 12 Wochen in einem kleinen Zimmer mit Couch und Fernseher sitzen und eine vollständige, komplett ausgewogene, perfekte Ernährung mit allen essentiellen Nährstoffen erhalten, dann sollten Sie (aber auch nur vielleicht) nicht noch täglich zwei Esslöffel Leucin dazu essen, ohne sich zu bewegen.
Aber wie sieht denn nun die Realität aus? Und hier kommt uns eine ganz aktuelle (Februar 2024) wissenschaftliche Arbeit (6) entgegen. Daten aus der Nurses Health Study (NHS), die 48762 Teilnehmerinnen seit 1984 beobachten. Sie haben anhand dieser Daten untersucht, wie der Einfluss einer proteinreichen Ernährung auf die Gesundheit im Alter ist. Also keine 12 Wochen Mäusestudie, sondern echte Menschen, aus dem echten Leben und das ganze 40 Jahre lang verfolgt. Ergebnis: Je höher die Proteinaufnahme im mittleren Lebensalter, desto gesünder waren die Teilnehmerinnen im höheren Alter.
In Zahlen: Die Odds Ratios (ORs) mit 95%-Konfidenzintervallen pro 3%-Energiezunahme im Zusammenhang mit gesundem Altern betrugen:
- 1,05 (1,01, 1,10) für Gesamtprotein
- 1,07 (1,02, 1,11) für tierisches Protein
- 1,14 (1,06, 1,23) für Milchprotein
- 1,38 (1,24, 1,54) für pflanzliches Protein
(Odds Ratio (OR): Ein statistisches Maß für die Stärke der Assoziation zwischen zwei Ereignissen. Ein Wert von 1,0 bedeutet kein Zusammenhang, Werte größer als 1 deuten auf einen positiven Zusammenhang und Werte kleiner als 1 auf einen negativen Zusammenhang hin.)
Heißt also: jede 3% Energiezunahme an Eiweiß erhöhte die Wahrscheinlichkeit für ein gesundes Altern um 5-38% (je nach Protein).
Die Überschrift in einigen internationalen Zeitschriften zu dieser Studie (6) war dann: eine hohe Eiweißaufnahme erhöht die Gesundheit im Alter, oder wie hier: „Adequate Protein Intake in Midlife Tied to Healthy Aging“