Wann sollten bestimmte NEMs nicht eingenommen werden?
Diese Frage bekommen wir sehr oft gestellt. Zuerst die gute Nachricht: dass ein bestimmter Mikronährstoff nicht eingenommen werden sollte, ist eher selten. Da es sich um Nahrungsmittel handelt und der Mensch schon seit Millionen von Jahren Nahrungsmittel ohne Anleitung zu sich nimmt, ist es also eine seltene Ausnahme, wenn mal ein NEM nicht genommen werden sollte oder darf. Aber es gibt einige Fälle, wo man aufpassen sollte:
Einnahme von Phenprocoumon (Marcumar ®):
Phenprocoumon (Marcumar ®) ist ein Vitamin K-Antagonist (also Gegenspieler vom Vitamin K). Wenn jetzt während der Behandlung der Vitamin K Spiegel plötzlich starken Veränderungen unterliegt, dann kann es zu einer Wirkungsveränderung des Phenprocoumon (Marcumar®) kommen. Das Vitamin K sollte also immer in konstanter Menge (am besten schon vor Beginn der Phenprocoumon-Therapie) eingenommen werden und die Dosis des Phenprocoumons daraufhin abgestimmt werden. Vorsicht ist vor allem geboten, wenn Phenprocoumon schon länger eingenommen wird und dann plötzlich die Vitamin K Zufuhr stark erhöht wird. Dann würde die Phenprocoumon-Wirkung abgeschwächt und der INR würde sinken (bzw. der Quick-Wert steigen), was eine abgeschwächte Blutverdünnung und damit eine geringere Schutzwirkung vor Thrombosebildung entspricht.
Also Vorsicht vor hoher Dosis Vitamin K bei Phenprocoumon (Marcumar®) Einnahme.
Das Prinzip des Vitamin K-Antagonismus trifft aber ausschließlich für Cumarinderivate zu (in Deutschland ausschließlich Phenprocoumon, in anderen Ländern/USA auch Warfarin). Es gilt nicht für direkte orale Antikoagulantien (DOAKs), wie Apixaban – Eliquis®, Rivaroxaban – Xarelto®, Edoxaban – Lixiana®, Dabigatran – Pradaxa®. Diese wirken über einen anderen Mechanismus (Faktor-Xa-Inhibiton bzw. Thrombininhibition). Daher ist hier keinerlei Interaktion mit Vitamin K vorhanden.
Kalium:
Hohe Einnahmen von zusätzlichem Kalium können selten zu einem erhöhten Kalium-Wert im Blut führen. Dies gilt vor allem dann, wenn kaliumerhöhende Medikamente eingenommen werden, insbesondere kaliumsparende Diuretika (Spironolacton, Eplerenon, Triamteren, Amilorid). Auch können ACE-Hemmer oder Angiotensin-II-Antagonisten in geringem Maße den Kaliumspiegel erhöhen.
Wer sollte also bei sehr hohen Mengen an Kalium aufpassen?
Menschen die eines dieser Medikamente nehmen:
Kaliumsparende Diuretika: Spironolacton, Eplerenon, Triamteren, Amilorid
ACE-Hemmer: Enalapril, Lisinopril, Ramipril u.a.: (alle die auf -pril enden)
Angiotensin-Antagonisten: Candesartan, Valsartan, Losartan, etc., (alle die auf -sartan enden)
Und vor allem Menschen mit einer Niereninsuffizienz: wenn die Nierenfunktion eingeschränkt ist, kann auch die Kaliumausscheidung eingeschränkt sein. Daher hier besondere Vorsicht mit Kalium.
Im Gegensatz dazu ist es aber wichtig eine ausreichende (ggf. zusätzliche, je nach Laborwert) Zufuhr von Kalium bei Diuretika, die einen Kaliumverlust machen sicherzustellen. Dazu gehören z.B. die Schleifendiuretika (Furosemid, Torasemid) und Thiaziddiuretika (Hydrochlorothiazid, Xipamid)
Calcium:
Sehr große Mengen an Calcium sollten nicht eingenommen werden bei folgenden Erkrankungen:
- Risiko bei: Hyperkalzämie, Sarkoidose, Niereninsuffizienz
Phosphat
- Risiko bei: Chronischer Niereninsuffizienz
Eisen
Sehr viele Menschen, ca. 8-10% aller Menschen, also fast jeder zehnte, ist Genträger einer Hämochromatose und kann unter einer leichten, einige auch unter einer stärkeren Eisenüberladung leiden. Diese Personen, die schon einen sehr hohen Ferritin-Wert haben, sollten kein weiteres Eisen zu sich nehmen.
- Risiko bei: Hämochromatose, Thalassämie, chronische Lebererkrankungen
- Grund: Eisenüberladung → Organschäden
Vitamin A (Retinol)
Aufgrund möglicher teratogener Wirkung sollte Vitamin A in der Schwangerschaft nicht in extrem hohen Dosen gegeben werden. Es wird empfohlen in der Schwangerschaft die Dosis von 10.000 IE Vitamin A nicht zu überschreiten.
- Risiko bei: Lebererkrankungen, Schwangerschaft
Pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel:
Johanniskraut (Hypericum perforatum)
Wirkung: stimmungsaufhellend (leichte Depressionen)
- Starke Enzyminduktion (CYP3A4, P-Glykoprotein) → beschleunigt Abbau vieler Medikamente
- Einnahme von oralen Kontrazeptiva (Wirkverlust → Schwangerschaftsrisiko)
- Immunsuppressiva (z. B. Ciclosporin, Tacrolimus)
- Gerinnungshemmern (Phenprocoumon, NOAKs)
- HIV- oder Zytostatika-Therapie
- Nebenwirkung: Lichtempfindlichkeit
- Serotoninsyndrom: nicht gleichzeitig mit SSRI, SNRI, MAO-Hemmern oder Triptanen
Gingko
Wirkung: durchblutungsfördernd, kognitiv stimulierend Problem:
- gleichzeitiger Einnahme von Gerinnungshemmern oder Thrombozytenaggregationshemmern (ASS, Clopidogrel, NOAKs)
- vor Operationen (Blutungsrisiko)
Ginkgo 5–7 Tage vor Operationen absetzen
Bei Patienten mit erhöhter Blutungsneigung (z. B. Magenulzera, Leberzirrhose, hämorrhagische Diathesen) vermeiden.
- Hemmt Thrombozytenaggregation, steigert Fibrinolyse
Ingwer (hochdosiert)
- Hemmt Thromboxan-Synthese, wirkt thrombozytenaggregationshemmend
Nattokinase
- Ein Protease-Enzym aus fermentierten Sojabohnen (Natto)
- Hat fibrinolytische Aktivität (spaltet Fibrin) und zusätzlich thrombozytenaggregationshemmende Effekte
- Wird als Nahrungsergänzungsmittel zur Durchblutungsförderung oder Thromboseprophylaxe verkauft (nicht als Arzneimittel zugelassen!)
⚠️ Blutungsrisiko
- Mehrere Fallberichte dokumentieren relevante Blutungen unter Nattokinase:
Hirnblutungen (intrazerebral / Subarachnoidalblutung)
Gastrointestinale Blutungen
Verstärkte postoperative Blutungen
- Besonders bei gleichzeitiger Einnahme von Antikoagulanzien (z. B. Warfarin, NOAKs) oder Thrombozytenaggregationshemmern (ASS, Clopidogrel)
- In manchen Fällen auch Monotherapie → verlängerte Gerinnungszeiten und erniedrigte Fibrinspiegel
📌 Weitere Risiken
- Keine standardisierte Dosierung → stark schwankende Enzymaktivität zwischen Produkten
- Keine zugelassene Indikation, keine kontrollierten klinischen Sicherheitsdaten
- Kann die Wirkung von Gerinnungshemmern unvorhersehbar verstärken
- Nicht in der Schwangerschaft oder bei Blutungsneigung anwenden
📝 Praxisempfehlung
- Als NEM bei Patienten mit erhöhter Blutungsgefahr oder Antikoagulation klar kontraindiziert
- Vor Operationen mindestens 2 Wochen vorher absetzen (lange Halbwertszeit unklar, aber anhaltende Wirkung auf Fibrinolyse)
- Patienten sollten aktiv nach Nattokinase gefragt werden (oft nicht als „Gerinnungspräparat“ wahrgenommen)
Grobe Einschätzung der Wirkstärke auf die Blutverdünnung:
Wirkung auf Gerinnung / Thrombozyten
Grüner Tee, Bromelain, Papain
minimale Plättchenhemmung in sehr hoher Dosis
praktisch vernachlässigbar
Ginkgo, Knoblauch, Ingwer, Ginseng
leichte Hemmung der Thrombozytenaggregation
erhöht bei Kombi mit Antikoagulanzien
Nattokinase, Weidenrinde, Dong Quai
fibrinolytisch + Plättchenhemmung (nicht steuerbar)
relevante Blutungsfälle dokumentiert
ASS (100 mg), Clopidogrel, Prasugrel
starke Hemmung der Thrombozytenaggregation
Phenprocoumon, Warfarin, NOAKs (Apixaban, Rivaroxaban …), Heparin
direkte Gerinnungshemmung (Faktorenhemmung)
Alles natürlich eine Frage der Dosis:
Wirkung auf Gerinnung / Fibrinolyse
Geschätztes Blutungsrisiko
sehr gering / vernachlässigbar
↓ Fibrin ~10–15 %, ↑ Plasminaktivität (2–3×), leicht verlängerte Gerinnungszeit
gering – aber dokumentierte Blutungen bei Kombi mit Antikoagulanzien
deutlichere Fibrinolyse, leichte Thrombozytenhemmung
moderat – einzelne Blutungsfälle auch ohne Kombimedikation
starke Fibrinolyse, teils messbare Gerinnungszeitverlängerung
relevant – mehrere Fallberichte von Hirn-/GI-Blutungen
Omega 3
Omega-3-Fettsäuren (insbesondere EPA und DHA aus Fischöl) hemmen die Thrombozytenaggregation.
Dadurch wird das Verklumpen von Blutplättchen reduziert und die Blutgerinnung etwas verlangsamt.
Dies ist auch einer der Gründe für ihren kardioprotektiven Effekt, z. B. geringeres Risiko für Herzinfarkte.
v. a. bei zusätzlicher Gerinnungshemmung relevant
Biotin:
Biotin-Interferenzen in Laboranalysen:
- Viele moderne Immunoassays (z. B. zur Bestimmung von Hormonen, Tumormarkern oder kardialen Markern) basieren auf dem Biotin-Streptavidin-Prinzip:
- Biotin wird dabei an Antikörper gekoppelt.
- Streptavidin dient als Fangmolekül auf der Testoberfläche.
- Freies Biotin im Blut kann an Streptavidin binden und dadurch die Bindung der biotinylierten Antikörper blockieren.
→ Das verfälscht die Messergebnisse erheblich!
⚡ Typische Effekte der Verfälschung
- Sandwich-Assays (z. B. TSH, Troponin, hCG):
- Biotin → falsch niedrige Werte
- Kompetitive Assays (z. B. freies T4, Cortisol, Testosteron):
- Biotin → falsch hohe Werte
➡️ Besonders kritisch sind falsch-niedrige Troponinwerte, die Herzinfarkte verschleiern können.
Biotin hat eine relativ kurze Halbwertszeit (ca. 2 h), aber:
- bei hochdosierter Einnahme ist es über Stunden bis 1–2 Tage nachweisbar.
- mind. 24–48 Stunden vor Blutentnahmen absetzen, bei sehr hohen Dosen ggf. länger (72 h).
Pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft
Einige pflanzliche Extrakte beinhalten Phytoöstrogene (insbesondere Soja) und andere, möglicherweise hormonaktive, Substanzen. Um gerade in der Schwangerschaft jedwede Hormonbeeinflussung zu unterbinden, sollte vorsichtshalber in der Schwangerschaft folgende Pflanzenextrakte nicht eingenommen werden: Soja/Rotklee, Hopfen, Mönchspfeffer, Yamswurzel, Ginseng, Tribulus, Ashwagandha, Rhodiola, Süßholz, Cordyceps.
Mischung verschiedener NEM-Präparate?
Viele fragen sich, ob man Nahrungsergänzungsmittel (NEM) miteinander oder zusammen mit Getränken wie Saft oder Kaffee einnehmen darf.
Die gute Nachricht: In den meisten Fällen ist das völlig unproblematisch. Es entstehen dabei keine gefährlichen Stoffe und auch keine giftigen Nebenprodukte.
Trotzdem gibt es ein paar Ausnahmen: Manche Nährstoffe „behindern“ sich gegenseitig bei der Aufnahme, wenn man sie in sehr hoher Dosis gleichzeitig einnimmt. Dadurch kann der Körper sie schlechter verwerten, und sie wirken dann weniger gut.
Deshalb ist es manchmal sinnvoll, bestimmte Mittel nicht gleichzeitig, sondern mit etwas Abstand einzunehmen.
Beispiele dafür sind:
- Eisen zusammen mit Calcium, Magnesium oder Zink
- Zink zusammen mit Kupfer (geringer Effekt erst bei sehr hohen Dosen, auch bei 75mg Zink pro Tag in Studien kein Kupfermangel). Kupfermangel erst bei >100-150mg Zink täglich über viele Monate beschrieben. Ein Zink:Kupfer-Verhältnis von max. etwa 10:1 gilt als günstig zur Vermeidung von Interaktionen. Also wenn sehr hochdosiert Zink genommen wird, auch Kupfer substituieren!
- Eisen zusammen mit Kaffee oder Schwarztee (wegen der Gerbstoffe)
- Vitamine A, D, E und K am besten zusammen mit einer kleinen Menge Fett
Tipp: Zwischen problematischen Kombinationen am besten mind. 2 Stunden Abstand lassen.
So können sich die einzelnen Nährstoffe nicht gegenseitig behindern.
In der Regel sind Kombinationen unproblematisch und vor allem: ungefährlich. Lediglich die Resorption kann vermindert sein, so dass es zu einer Wirkungsabschwächung kommen kann.
Zusammenfassung
Insgesamt sind Nahrungsergänzungsmittel in der Regel keine Medikamente. Relevante Interaktionen sind selten. Prinzipiell sind sie für fast jeden uneingeschränkt geeignet und lassen sich in jeder beliebigen Kombination einnehmen außer den genannten Ausnahmen. Diese sind hier nochmals zusammengefasst:
Vorsicht von Vitamin K -Dosisveränderungen während der Einnahme von Phenpromcoum (Marcumar®). Keine Probleme gibt es dagegen bei den neueren Antikoagulantien (NOAK): Apixaban – Eliquis®, Rivaroxaban – Xarelto®, Edoxaban – Lixiana®, Dabigatran – Pradaxa®
Vorsicht vor überhöhten Kaliumdosierungen bei Einnahme von kaliumsparenden Medikamenten (bestimmte Diuretika, ACE-Hemmer, -sartane). Keine Reduktion sondern eher die extra Einnahme von Kalium kann sinnvoll sein bei Diuretika, die Kaliumverluste machen (z.B. Furosemid, Hydrochlorothiazid, Torasemid, Xipamid)
Starke Niereninsuffizienz: hier sind besonders die Elektrolyte zu beachten, da diese in fortgeschrittenen Stadien von der Niere nicht mehr adäquat reguliert werden können (insb. Kalium, Calcium, Phosphat, Magnesium)
Bei Einnahme von starken Blutverdünnern ( NOAK, Marcumar®): Vorsicht vor zusätzlichen sehr potenten Blutverdünnern vor Operationen (besser 1-2 Wochen vorher Pausieren): **insb. Nattokinase. **Omega 3 nicht >3-4 Gramm pro Tag (bis 2g ist kein Problem)
Eisen: bei Eisenspeicherkrankheit nicht noch mehr Eisen nehmen.
Schwangerschaft: Vitamin A nicht >10.000 IE pro Tag. Vorsicht vor einigen pflanzlichen Stoffen mit möglicher hormonartiger Wirkung (Soja/Rotklee, Hopfen, Mönchspfeffer, Yamswurzel, Ginseng, Tribulus, Ashwagandha, Rhodiola, Süßholz, Cordyceps)
**Johanniskraut: **Vorsicht bei gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten die über CYP3A4 abgebaut werden und bei Einnahme von SSRI/MAO-Hemmern.
Hochdosiertes Biotin: 2-3 Tage vor Blutuntersuchungen pausieren
Mikronährstoffe sind in der Regel für die meisten Menschen geeignet und lassen sich weitgehend frei kombinieren. Kennt man jedoch die genannten Ausnahmen, ist der Umgang sicherer und man kann fundierter entscheiden, welche Mikronährstoffe unproblematisch und welche mit Vorsicht in bestimmten Situationen einzusetzen sind.